Wie erkenne ich einen echten Thonet?

Ich möchte meinen Blog mit einem Thema starten, das auch bei mir am Anfang meiner Sammelleidenschaft eine wichtige Rolle gespielt hat und mit dem ich auch noch heute oft konfrontiert bin – die Frage wie man einen echten Thonet erkennt.

Glücklicherweise können wir bei Thonet nicht nur auf einen Fundus an original Katalogen zurückgreifen, sondern wurden dessen Sessel bereits seit den Tagen der frühen Produktion gekennzeichnet. Wenn ein Sessel also keine entsprechende Kennzeichnung aufweist, ist grundsätzlich davon auszugehen, dass es sich um keinen echten Thonet handelt. Es kann aber natürlich sein, dass sich im Laufe der Zeit z.B. die Papierschutzmarke gelöst hat, oder ein Stempel überrestauriert wurde. Auch bei sehr frühen, noch schichtverleimten Stücken, kann eine Kennzeichnung fehlen. In diesen Fällen helfen einige andere Merkmale um ein Original zu identifizieren.

Die nachstehenden Informationen sind teils meine eigenen Beobachtungen, zu einem großen Teil stammen sie aus der umfassenden Thonetliteratur.[1]

Prägestempel

Thonet verwendete bei seinen sehr frühen Modellen Prägestempel, die direkt auf die Unterseite des Sitzrahmens aufgebracht wurden. Diese können z.B. lauten „Thonet Wien Gump. 396“, „Thonet Wien“ oder „GB. Thonet Wien“. Verdrehungen sind möglich bzw. können die einzelnen Worte auseinanderklaffen, wie an den untenstehenden Bildern zu sehen ist. Modelle mit derartigen Prägestempeln sind teilweise noch schichtverleimt. In meiner Sammlung befinden sich zwei Thonet Nr. 11 einer ist mit „Thonet Wien“, der andere mit „GB. Thonet Wien“ gestempelt wobei beide bereits aus vollständig massiv gebogenem Holz gefertigt wurden

Deutlich später verwendete Thonet Prägestempel die an der Innenseite des Sitzrahmens angebracht wurden und häufig in Verbindung mit einer der Papierschutzmarken auftreten.  Die Stempelung „Thonet“ kann dabei mit weißer oder schwarzer Farbe unterlegt sein.

Papierschutzmarken

Thonet verwendete ab dem Anfang der 1860er Jahre Papierschutzmarken in insgesamt drei verschiedenen Ausführung. Die erste Schutzmarke die bis 1881 im Einsatz war, ist in drei Varianten bekannt (sog. Schutzmarke 1a, 1b und 1c). Schutzmarke 1a und 1b unterscheiden sich durch die Führung der Verschnörkelungen. Wo immer sie sich diese bei Variante 1a übereinander kreuzen, kreuzen sie sich bei Variante 1b untereinander und umgekehrt. Die Verschnörkelungen sind bei 1b und 1c ident, jedoch ist die Linienführung bei 1c gröber. Die Schutzmarken können auch auf grünem Papier gedruckt sein.

Eine genaue zeitliche Zuordnung finden wir bei in Otillinger S. 109. Demnach wurde die Schutzmarke 1a von 1861 bis 1870, die Varianten 1b und 1c von 1870 bis 1881 verwendet.

Ab 1881 bis 1919 verwendete Thonet die zweite Schutzmarke. Die meisten der heute auffindbaren Sessel verfügen über diese Schutzmarke, sofern sie sich nicht abgelöst hat.  Statt der gekreuzten Buchstaben G und T („Gebrüder Thonet“) ist sie etwa auch für den ungarischen Markt mit zwei gekreuzten T („Thonet Testvérek“) oder für den russischen Markt in kyrillischer Schrift zu finden.

Ab 1919 verwendete Thonet die dritte Schutzmarke. Satt „GT“ nunmehr „T“ in den Ornamenten, was leider auf dem Foto nicht gut zu erkennen ist.

Frästeller mit Stempel

Ab ca. 1880 löste der Farbstempel „Thonet“, oft fälschlich als Brandzeichen bezeichnet, den Prägestempel ab. In der Regel ist dieser an der vorderen Innenseite des Sessels angebracht. Ich besitze aber auch Modelle bei denen dies an anderen Stellen, z.B. seitlich, der Fall ist. Der Frästeller hatte zunächst einen Durchmesser von 40 mm und später von 62 mm.  Der Teller wurde später um die Ursprungsbezeichnung „Austria“ ergänzt und kann auch mit Zahlen versehen sein.

Buchstaben und andere montagebedingte Kennzeichnungen

Teilweise finden sich auch eingeprägte Buchstaben an der Unterseite des Sitzes. In der Literatur wurde früher davon ausgegangen, dass dies ein Hinweis auf den Herstellungsort sein könnte (z.B. K=Koritschan, B=Bistriz, W=Westin). Diese Ansicht gilt allerdings heute als überholt und es ist somit nicht klar wozu die Buchstaben eingepresst wurden.[2] Darüber hinaus können auch arabische und römische Zahlen in den Sitz eingeprägt sein, doch auch diese wurden von anderen Herstellern verwendet und dienten vermutlich der korrekten Montage.

Symbole

Als Merkmal für frühe Modelle von Thonet werden häufig auch an der Unterseite des Sitzes eingeschlagene Symbole wie ein Stern oder eine Sonne genannt. Hier ist jedoch Vorsicht geboten, verwendeten doch auch andere Hersteller derartige Kennzeichnungen.

Bauartbedingte Merkmale

Wenn bei einem Sessel z.B. keine Etiketten mehr vorhanden sind, gibt es einige Merkmale, die auf einen echten Thonet hindeuten können. Zunächst sind hier die durchgebohrten Vorderbeine zu nennen, die bei einigen frühen Modellen durch den Sitzrahmen zu sehen sind. Hier ist allerdings Vorsicht geboten. Auch Fabrikate anderer Produzenten können dieses Merkmal aufweisen, wie an diesem Sessel eines unbekannten Herstellers zu erkennen ist, der zwar dem berühmten Nr 14 von Thonet nachempfunden ist, aber diesem in seiner Eleganz nicht ganz das Wasser reichen kann:

Durchgebohrtes Bein

Ein weiteres Merkmal können die Verbindungen zwischen Lehne und Sitzrahmen sein, die ab ca. 1875[3] optional bestellt werden konnten bzw. an manchen Modellen laut Katalog serienmäßig montiert waren.

Aus dem Katalog von 1904

Bei Thonet sind diese zumeist bündig mit der Sitzfläche montiert, aber wie an diesem nach 1919 gefertigten Nr 25 leicht zu erkennen ist, ist dies nicht immer der Fall gewesen bzw. gilt dies für spätere Fertigungen nicht mehr:

Noch Fragen oder Anmerkungen?

Ich freue mich über ein E-Mail an bugholzblog@gmail.com


[1] Bangert/Ellenberg – „Thonet Möbel“, Von Vegesack – „Das Thonet Buch“, Ottillinger – „Gebrüder Thonet“. Die angeführten Jahreszahlen wurden insbesondere letzterer Publikation entnommen. Umfassende Informationen zur Datierung und Markierungen finden sich auch online auf www.wienermoebel.ch.

[2] Ottilinger 114 f.

[3] Quelle : http://www.wienermöbel.ch

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